Bisher haben wir Systeme immer über die Zustandsraumdarstellung betrachtet. Oft ist aber eine reine Beschreibung des Übertragungsverhaltens des Systems ohne Einbeziehung / Kenntnis des Zustandes
gewünscht. Man will wissen: Mit welchem Verlauf der Ausgangsgröße reagiert das System auf einen beliebig vorgegebenen Verlauf der Eingangsgröße
?
Wir beschränken uns auf SISO-Systeme, d.h.
. Bisher haben wir nur die Möglichkeit, über die Gleichung

zunächst den Zustand und daraus die Ausgangsfunktion zu berechnen. Die Auswertung des Integrals erfordert allerdings einen großen Aufwand. Ein eleganterer Berechnungsweg ergibt sich, wenn wir beide Seiten der zu lösenden Zustandsgleichung einer Laplace-Transformation unterwerfen.
0.4.1 Laplace-Transformation
Die Laplace-Transformation ordnet einer Funktion
der Zeit
mit
umkehrbar eindeutig eine komplexwertige Funktion
einer komplexen Variablen
zu:
![Rendered by QuickLaTeX.com F\left( s \right): = \mathcal{L}\left[ {f\left( t \right)} \right]: = \int_0^\infty {{e^{-st}}f\left( t \right)dt} ,\quad \quad f\left( t \right) = {\mathcal{L}^{-1}}\left[ {F\left( s \right)} \right]](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-d9fe4f821f195daf84d3bdf071744646_l3.png)
Für die gängigen Funktionen kann man die zusammengehörigen Funktionspaare aus Korrespondenztabellen entnehmen. Hier ein Ausschnitt daraus:

Die Laplace-Transformation ist linear:

Es gilt außerdem der Differentiationssatz:


0.4.2 Übertragungsfunktion
Wir wenden nun die Laplace-Transformation auf das LTI-SISO-System


an. Wir unterziehen also jeweils beide Gleichungsseiten der Laplace-Transformation und führen bei einer vektorwertigen Funktion die Transformation komponentenweise durch:


Ziel ist eine Beziehung zwischen der Ausgangsgröße
und der Eingangsgröße
:



Um das Eingangs-Ausgangs-Verhalten zu untersuchen, setzen wir nun
. Unter dieser Voraussetzung ist das Verhältnis “Ausgangs- zu Eingangsgröße” im Bildbereich immer dasselbe:

Dieses Verhältnis nennt man die Übertragungsfunktion
des betrachteten LTI-Systems. Wir müssen also das Inverse einer Matrix berechnen. Dies tun wir mit der Formel
,
wobei wir die Adjunkte nach dem ME-MTS-Verfahren berechnen. Wir erhalten damit für die Übertragungsfunktion:

Den Nenner erkennen wir als charakteristisches Polynom von
wieder. Die Elemente von
sind
- Unterdeterminanten von
und damit Polynome von maximal
-ter Ordnung in
. Wir können
also schreiben als

mit dem Zählerpolynom
und dem Nennerpolynom
. Nach dem Fundamentalsatz der Algebra lassen sich Zähler- und Nennerpolynom stets als Produkte von Linearfaktoren schreiben:

Weil die Übertragungsfunktion für
gleich Null ist und für
unendlich groß wird, heißen die
Nullstellen und die
Polstellen der Übertragungsfunktion. Es ergibt sich die Pol-Nullstellen-Form der Übertragungsfunktion:


0.4.3 Berechnung der Systemantwort
Um die Systemantwort
für ein gegebenes Eingangssignal
bei bekannter Gewichtsfunktion
zu berechnen, gehen wir wie folgt vor:
- Berechne die Laplace-Transformierte
des Eingangssignals - Berechne die Ausgangsgröße

- Bestimme das Ausgangssignal durch Laplace-Rücktransformation
![Rendered by QuickLaTeX.com y\left( t \right) = {\mathcal{L}^{-1}}\left[ {Y\left( s \right)} \right]](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-0ea629eec039598a095e20be62444222_l3.png)
Die Rücktransformation ist das größte Problem, da die gebrochen rationale Funktion

sich nur in Ausnahmefällen in Korrespondenztabellen finden lässt. Wir gehen daher wie folgt vor:
1. Schritt
Bestimme die Pole von
. Wegen
sind dies die Pole von
und die Pole von
, wenn sich keine Linearfaktoren durch Kürzung wegheben.
2. Schritt
Zerlege die gebrochen rationale Funktion
gemäß folgendem Ansatz (jeder reelle Pol führt zu einem Partialbruch, jedes komplex konjugierte Polpaar zu einem Term mit quadratischem Nenner):

Bestimmung von
:

Bestimmung von
für einfachen, reellen Pol
:

Bestimmung von
und
für konjugiert komplexe Pole
:

3. Schritt
Rücktransformation in den Zeitbereich gemäß Korrespondenztabelle:

0.4.4 Sprung- und Impulsantwort
Wir erregen nun das System durch ganz bestimmte Eingangssignale, nämlich den Delta-Impuls und die Sprungfunktion. Die zugehörigen Antwortsignale beschreiben als sog. Kennfunktionen das dynamische Übertragungsverhalten des Systems.
Impulsantwort
Die Impulsantwort oder Gewichtsfunktion gibt an, wie das System auf einen sehr kurzen Impuls am Systemeingang reagiert Die Laplace-Transformierte dieses Delta-Pulses ist konstant 1. Wegen


ist die Impulsantwort die Laplace-Rücktransformierte der Übertragungsfunktion
. Es gilt:

Dies ist die sogenannte Modenzerlegung der Gewichtsfunktion.
Sprungantwort
Die Sprungfunktion
ist Null für
und 1 für
. Die Systemantwort
auf die Sprungfunktion nennen wir Sprungantwort. Es gilt:


Zwei Fälle sind hier besonders wichtig:
-
. Das bedeutet, dass das System nur für
bei
einen Sprung ausführt. Wir bezeichnen daher Systeme mit
als sprungfähige Systeme. Es ist äquivalent:

-
. Die Konstante
nennen wir statische Verstärkung.
0.4.5 Frequenzgang
Wir wollen nun die Antwort eines Systems auf ein kosinusförmiges Eingangssignal bestimmen. Wiederum sei
vorausgesetzt. Wegen des Superpositionsprinzips gilt:



Wegen der Korrespondenz

lautet die Systemantwort
im Bildbereich:

Partialbruchzerlegung (siehe oben) liefert:

Laplace-Rücktransformation:

Da die Eigenbewegungen gemäß der Annahme, das System sei stabil, alle abklingen, bleibt im Langzeitlimes (eingeschwungener Zustand) die erzwungene Schwingung als Systemantwort übrig:
![Rendered by QuickLaTeX.com C = {\left[ {\left( {s-j\omega } \right)Y\left( s \right)} \right]_{s = j\omega }} = {\left[ {\left( {s-j\omega } \right)\frac{{G\left( s \right)}}{{s-j\omega }}} \right]_{s = j\omega }} = G\left( {j\omega } \right)](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-9123b397bbfcf78c694d0055a0e4faab_l3.png)

Die gesuchte Systemantwort
auf das Eingangssignal
lautet im stationären Fall:


Eine harmonische Anregung der Frequenz
erzwingt also als Antwort eine harmonische Schwingung gleicher Frequenz. Die Übertragungsfunktion
, ausgewertet an der Stelle
, gibt in Form ihres Betrages
den Verstärkungsfaktor und in Form ihres Arguments
den Phasenwinkel an, um den die Ausgangsschwingung gegenüber der anregenden Schwingung versetzt ist.
Betrachtet man Eingangssignale mit unterschiedlicher Kreisfrequenz
, so nehmen
und
i.d.R. verschiedene Werte an. Beide Größen können deshalb als Funktion der Kreisfrequenz aufgefasst werden. Man spricht dann vom Amplitudengang
und vom Phasengang
. Beide Funktionen zusammen stellen den Frequenzgang des Systems dar. Dieser kann entweder durch eine Ortskurve oder durch ein Bode-Diagramm dargestellt



