5.1 Aufgabe und Struktur des zeitdiskreten Zustandsreglers
Gegeben ist ein zeitdiskretes Zustandsraummodell


Anmerkung: Bei physikalischen Regelstrecken mit Tiefpassverhalten ist
.
Es soll nun ein digitaler Regler entworfen werden.
5.1.1 Spezifizieren des dynamischen und stationären Verhaltens des Regelkreises
Wünsche bezüglich der Dynamik führen zur Vorgabe von
Zahlen
im Einheitskreis der komplexen z-Ebene. Dabei ist
der i-te Wunsch-Eigenwert des Abtastregelkreises.
Im stationären Zustand sei der Langzeitlimes der Ausgangsgröße gleich dem Langzeitlimes der Führungsgröße, also
.
Dies entspricht der Forderung nach stationärer Genauigkeit.

5.1.2 Festlegen der Regelkreisstruktur
Als Regelkreisstruktur wählen wir einen zeitdiskreten Zustandsregler mit Vorfilter:

Dabei sind die Parameter
und
frei wählbar, aber bekannt (Entwurfsgrößen). Die dargestellte Zustandsrückführung setzt voraus, dass alle
Zustandsvariablen gemessen werden können.
Aus dem Zustandsdiagramm ist ablesbar:

Dies setzen wir nun in das Strecken-Zustandsmodell ein und erhalten die Zustandsbeschreibung des Abtastregelkreises:

Dabei ist
die Systemmatrix des Regelkreises und
der Vektor, der die Führungsgröße
in die Zustandsdynamik einkoppelt.
Die Zustandsdynamik des Abtastregelkreises legt folgende Aufgabenteilung zwischen dem Vorfilter
und dem Vektor
im Rückkoppelungszweig nahe:
- Der vektorwertige Parameter
ist beim Entwurf so festzulegen, dass der Wunsch bezüglich der Dynamik erfüllt wird, d.h. dass die Eigenwerte der Regelkreis-Systemmatrix
beliebig vorgegebene Werte
annehmen. - Der skalare Parameter
ist so einzustellen, dass der Regelkreis stationär genau ist.
Zunächst brauchen wir also Leitlinien für die sinnvolle Wahl von Regelkreis-Eigenwerten
.
5.2 Dominierendes Eigenwertpaar und Regelkreisverhalten
Wir betrachten einen zeitkontinuierlichen Regelkreis. Falls der Regelkreis ein dominierendes Polpaar besitzt (d.h. ein konjugiert komplexes Polpaar, das im Pol-Nullstellen-Bild weit rechts von allen anderen Polen liegt), kann seine Führungsübertragungsfunktion näherungsweise als “PT2-Verhalten mit Verstärkung 1″ beschrieben werden, d.h.
,
wobei die Parameter
(Dämpfung) und
über die Gleichung

mit der Lage des dominierenden Polpaars zusammenhängen:

Im Rahmen dieser PT2-Näherung gilt für die Beruhigungszeit:

Die Beruhigungszeit ist dabei die Zeit, ab der die Sprungantwort des Regelkreises einen Korridor der Breite
um den Sollwert 1 nicht mehr verlässt. Beim Reglerentwurf ist eine Beruhigungszeit vorgegeben, die nicht überschritten werden soll:

Der Betrag des Überschwingens der Sprungantwort wird als Überschwingweite
beschrieben. Es gilt:

Die Überschwingweite hängt also nur vom Winkel
ab. Für kleine Winkel gibt es nur eine kleine Überschwingweite, also eine starke Dämpfung, z.B.


Wenn ein kontinuierlicher Regelkreis mit der Abtastzeit
abgetastet wird, folgt für das dominierende Polpaar des zugehörigen zeitdiskreten Regelkreises (also des zugehörigen Abtastsystems):

Anmerkung: Dies gilt allerdings nicht, wenn das dominierende Eigenwertpaar nicht steuer- oder beobachtbar ist.
Damit eine vorgegebene Beruhigungszeit
des zeitdiskreten Regelkreises nicht überschritten wird, müssen die Wunsch-Eigenwerte
der Regelkreis-Systemmatrix also in einem Kreis mit dem Radius

liegen. Die Forderung nach einer vorgegebenen Mindestdämpfung (bzw. maximaler Überschwingweite) des zeitdiskreten Regelkreises führt dazu, dass die Wunsch-Eigenwerte des Abtastsystems im “herzförmigen Gebiet” in der z-Ebene liegen.
Vergleich von s-Ebene und z-Ebene:

5.3 Eigenwertvorgabe nach Ackermann
Nach der Festlegung der Wunsch-Eigenwerte
des Abtastregelkreises müssen wir nun
so festlegen (entwerfen), dass die Regelkreis-Systemmatrix
auch tatsächlich diese Eigenwerte besitzt.
Mathematisch gesehen ist diese Aufgabe identisch zur Eigenwertvorgabe mittels Zustandsrückführung bei zeitkontinuierlichen Systemen. Wir stellen nun die Verfahrensschritte vor.
5.3.1 Berechnung der diskreten Steuerbarkeitsmatrix
Für die Steuerbarkeitsmatrix
gilt
.
Falls der Rang dieser Matrix gleich
ist, also wenn
, so können durch geeignete Wahl von
beliebige Wunsch-Eigenwerte
realisiert werden, d.h. dann ist die Aufgabe der Eigenwertvorgabe lösbar.
5.3.2 Invertieren der Steuerbarkeitsmatrix
Wir brauchen die letzte Zeile der invertierten Steuerbarkeitsmatrix, also

Für die numerische Bestimmung von
bei großer Systemordnung sollte man nicht die ganze Systemmatrix invertieren, da dies sehr aufwendig ist.
Stattdessen transponieren wir die Gleichung:

Nun multiplizieren wir von links mit
:

Der gesuchte Vektor
kann also als Lösung dieses linearen Gleichungssystems bestimmt werden.
5.3.3 Charakteristisches Wunschpolynom
Das charakteristische Polynom des Abtastregelkreises soll die Werte
als Nullstellen besitzen, also von der Form

sein. Dies ist das charakteristische Wunschpolynom. Ausmultiplizieren liefert:

5.3.4 Ersetzen der skalaren Variable durch die Systemmatrix
Wir ersetzen im charakteristischen Wunschpolynom die skalare Variable
durch die diskrete Systemmatrix
:

5.3.5 Berechnung der Zustandsrückführung
Die gesuchte Zustandsrückführung
, die dafür sorgt, dass der Abtastregelkreis die Wunsch-Eigenwerte besitzt, lautet:

Dies ist die Ackermann-Formel.
5.4 Stationäres Verhalten, Berechnung des Vorfilters
Ziel: Für eine Führungsfolge (Referenzfolge)
, die gegen einen Grenzwert
strebt, soll gelten:
.
Um dies zu erreichen, muss der Zustandsvektor
einen konstanten Wert
anstreben. Dieser Zustand wird stationärer Zustand genannt.
Einsetzen von
in die Zustandsgleichung des Regelkreises ergibt die Forderung
.
Wenn die Matrix
nicht invertierbar wäre, würde gelten:

Dann hätte das charakteristische Polynom

des Regelkreises eine Nullstelle bei
und der Regelkreis hätte einen Eigenwert bei
, was im Widerspruch zur geforderten und per Eigenwertvorgabe erzwungenen asymptotischen Stabilität des Regelkreises stünde. Daraus folgt, dass die Matrix
invertierbar (regulär) ist. Der stationäre Zustand ergibt sich somit als
![Rendered by QuickLaTeX.com {\vec x_\infty } = {\left[ {I-\left( {A-\vec b{{\vec h}^T}} \right)} \right]^{-1}}\vec bV{r_\infty }](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-3b3a82af322b1263460b8bf7b2675854_l3.png)
mit dem zugehörigen stationären Ausgangswert:
![Rendered by QuickLaTeX.com {y_\infty } = {\vec c^T}{\vec x_\infty } = {\vec c^T}{\left[ {I-\left( {A-\vec b{{\vec h}^T}} \right)} \right]^{-1}}\vec bV{r_\infty }\mathop = \limits^! {r_\infty }](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-b92f28104c2a64ed9c50fa0cc6a26574_l3.png)
Damit diese Forderung erfüllt ist, muss gelten:
![Rendered by QuickLaTeX.com {\vec c^T}{\left[ {I-\left( {A-\vec b{{\vec h}^T}} \right)} \right]^{-1}}\vec bV = 1\quad \Rightarrow \quad V = \frac{1}{{{{\vec c}^T}{{\left[ {I-\left( {A-\vec b{{\vec h}^T}} \right)} \right]}^{-1}}\vec b}}](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-d67f95c52db6ddfed9bc8e6015239d67_l3.png)
Somit haben wir den Wert für den Vorfilter (Verstärkungsfaktor)
.
Beachte:
Obige Berechnung von
setzt voraus, dass
gilt, da es ansonsten zu einer Division durch 0 kommt. Diese Forderung ist dann erfüllt, wenn die z-Führungsübertragungsfunktion des Regelkreises
![Rendered by QuickLaTeX.com {G_{R \to Y}}\left( z \right) = T\left( z \right) = {\vec c^T}{\left[ {zI-\left( {A-\vec b{{\vec h}^T}} \right)} \right]^{-1}}\vec bV](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-ce5d3d2f448a5dbc93f363577a67d0df_l3.png)
keine Nullstelle bei
hat.
Nun gilt aber analog zur zeitkontinuierlichen Zustandsrückführung mit Vorfilter, dass die Nullstellen der z-Führungsübertragungsfunktion mit den Nullstellen der z-Streckenübertragungsfunktion
![Rendered by QuickLaTeX.com G\left( z \right) = {\vec c^T}{\left[ {zI-A} \right]^{-1}}\vec b](http://me-lrt.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-a472b9e465997c7b152591e533ae6e49_l3.png)
übereinstimmen. Die statische Genauigkeit ist also durch obigen Vorfilter-Entwurf genau dann erzielbar, wenn die z-Streckenübertragungsfunktion keine Nullstelle bei
hat, d.h. wenn gilt:
.
5.5 Regler mit endlicher Einstellzeit (Dead-Beat Controller)
Anforderung an die Regelgüte:
Es wird angenommen, dass die Führungsgröße
über einen längeren Zeitraum konstant ist und somit als
modelliert werden kann, und es wird gefordert, dass die Regelgröße (Ausgangsgröße)
den geforderten Wert nach
Abtastschritten annimmt:


Dabei ist
die Anzahl der Zustandskomponenten. Die kontinuierliche Ausgangsgröße
der Strecke soll dabei ab dem Zeitpunkt
auch zwischen den Abtastzeitpunkten den Wert
der Führungsgröße annehmen.
Ein Regler, der das leistet, bringt die Regelgröße in endlicher Zeit auf den geforderten Wert, daher der Name “Regler mit endlicher Einstellzeit”. Die internationale Bezeichnung lautet “Dead-Beat Controller” (Regelabweichung wird “totgeschlagen”).
5.5.1 Entwurfsweg
Eine Zustandsrückführung mit Vorfilter soll als Dead-Beat Controller ausgelegt werden. Betrachte zunächst den Spezialfall
:

Dies ist erfüllt, wenn

Es bleibt also nur die freie Bewegung des Regelkreises, da wegen
auch die erzwungene Bewegung der Nullvektor ist. Die Bedingung soll für beliebige Anfangszustände
erfüllt sein, daher muss gelten:
(Nullmatrix)
Dies wird erreicht durch folgende Eigenwertvorgabe für Dead-Beat-Controller:

5.5.2 Begründung
Das charakteristische Wunschpolynom des Regelkreises lautet dann:

Das Cayley-Hamilton Theorem besagt, dass sich die Nullmatrix ergibt, wenn wir im charakteristischen Polynom
einer Matrix
die Variable
durch die Matrix
selber ersetzen, also hier:
.
Bestimmen der Zustandsrückführung
aus der Ackermannformel:


Dabei ist
wieder die letzte Zeile der invertierten Steuerbarkeitsmatrix
.
Dieser Entwurf für den Spezialfall
ist auch korrekt für
. Die Verstärkung
des Vorfilters muss dann für stationäre Genauigkeit sorgen, d.h. gewählt werden als
.
Zusammenfassung:
- Ein Dead-Beat Regelkreis folgt einer sprungförmigen Änderung der Führungsgröße nach (höchstens)
Abtastzeitpunkten - Die freie Bewegung des Regelkreises ist nach
Abtastzeitpunkten vollständig abgeklungen - Impulsförmige Störungen werden innerhalb von
Abtastzeitpunkten abgebaut
5.5.3 Bemerkungen
a)
Eine endliche Einstellzeit kann nur durch eine zeitdiskrete Regelung (wesentlich:
wird nur zu diskreten Zeitpunkten rückgeführt!) erreicht werden. Dagegen können wir mit zeitkontinuierlichen (Zustands-)Reglern nur asymptotisch stabile Regelkreise entwerfen, bei denen
für
nach
strebt.
b)
Die endliche Einstellzeit beruht darauf, dass für die Systemmatrix des Regelkreises
des Regelkreises gilt:
. Wenn sich die tatsächlichen Parameter der Regelstrecke von den beim Entwurf verwendeten Modellparametern
und
unterscheiden, ist diese Eigenschaft nicht mehr gegeben. Regler mit endlicher Einstellzeit sind also empfindlich im Bezug auf Parameteränderungen! Auch verschlechtern Störungen beim Messen der Zustandskomponenten (Messrauschen) das Regelergebnis erheblich.
c)
Regler mit endlicher Einstellzeit erzeugen Stellsignale großer Amplitude, insbesondere bei kurzen Abtastzeiten. Dies kann in der Praxis zu einer Überschreitung der Stellgrößenbeschränkung führen, wodurch das Funktionsprinzip des Reglers außer Kraft gesetzt wird. Besonders groß wird der Wert der Stellgröße unmittelbar nach einem Sprung der Führungsgröße. Daher kann ein Vorfilter in Form eines PT1-Gliedes (statt des reinen Verstärkungsfaktors
), das sprungförmige Führungsgrößen in kontinuierliche Veränderungen überführt, eine gewisse Abhilfe schaffen.



