Im letzten Artikel wurde die Differentialgleichung der Bewegung der beiden Massen eines Systems mit zwei Freiheitsgraden bestimmt. Hier soll nun der Spezialfall der freien Schwingung vertieft werden.
Freie Schwingunge bedeutet: Es wirken keine Erregerkräfte, also

Wir erhalten daher ein homogenes Gleichungssystem:
Teillösungen
Für die Lösung verwenden wir die Exponentialansätze:

und

Die zweiten Ableitungen sind


Wir setzen in das Gleichungssystem ein, wobei der Exponentialterm weggekürzt werden kann:


Abschließend wird umsortiert und man erhält das “zeitfreie” Gleichungssystem:
Nichttriviale Lösungen für die komplexen Amplituden existieren nur dann, wenn die Determinante des Gleichungssystems verschwindet, d.h. für

Daraus folgt die biquadratische Gleichung

mit zwei Lösungen ω12 und ω22 für die Eigenkreisfrequenzen.
Gesamtlösung
Die Gesamtlösung ergibt sich als Summe der Einzellösungen zu


Die maximalen Amplituden (mit Dach) sind komplexe Amplituden mit Real- und Imaginärteil, d.h. es würden 4 · 2 = 8 Integrationskonstanten benötigt, um die Bewegungsgleichung vollständig zu bestimmen. Es liegen jedoch nur vier Anfangsbedingungen vor (Anfangsposition und -geschwindigkeit der beiden Massen). Um die vier überzähligen Konstanten zu eliminieren, müssen wir zwei der vier komplexen Amplituden loswerden. Dies ist möglich, indem wir je eine komplexe Amplitude als ein Vielfaches einer anderen ausdrücken. Das Verhältnis der Amplituden hängt nämlich ausschließlich von Systemgrößen ab. Um die Verhältnisse zu bestimmen, setzt man die nunmehr bekannten Eigenkreisfrequenzen in das “zeitfreie” Gleichungssystem ein.
Aus der Eigenkreisfrequenz ω1 wird damit

umgestellt:

Alternativ kann μ1 auch mit der zweiten Gleichung des zeitfreien Gleichungssystems bestimmt werden:

bzw umgestellt:

Für die Eigenkreisfrequenz ω2 erhält man durch Einsetzen und umstellen:

Diese Verhältnisse der komplexen Amplituden setzen wir nun in die Gesamtlösung des Gleichungssystems ein:




Es gibt jetzt vier Anfangsbedingungen für vier Integrationskonstanten.
Anfangsbedingungen:




Beispielrechnung



In das zeitfreie Gleichungssystem eingesetzt:


Die Determinante muss 0 werden, also

wir erhalten die biquadratische Gleichung:



Wir lösen durch Substitution und mit Hilfe der PQ-Formel:





Für die Gesamtlösung gilt


bzw


Die Amplitudenverhältnisse sind


eingesetzt:


Mögliche Schwingungsformen
Bei bestimmten Anfangsbedingungen
- Schwingt das System nur mit ω1 (erste Hauptschwingung). Da μ1 positiv ist, schwingen die Massen gleichphasig
- Schwingt das System nur mit ω1 (erste Hauptschwingung). Da μ2 negativ ist, schwingen die Massen gegenphasig
- Überlagern sich die beiden Schwingungen


