Gegeben sei ein System erster Ordnung mit variabler Nullstelle in Wurzelorts-Normalform bzw. in Bode-Normalform.
In dieser Aufgabe soll für ein System mit der Übertragungsfunktion
der Frequenzgang
diskutiert werden. Dazu dient die Darstellung von Amplitudengang
und Phasengang
als Bode-Diagramm sowie die Darstellung von
als so genannte Nyquist-Ortskurve in der komplexen Ebene.
-
Bestimmen Sie analytisch den Betrag und die Phase des Frequenzgangs
. -
Diskutieren Sie den Phasenverlauf
für variables
in Abhängigkeit von
mithilfe der Zeigerdarstellung in der komplexen Ebene.
Skizzieren Sie den Phasenverlauf für die verschiedenen Fälle. Wie heißen die Übertragungsglieder (in Abhängigkeit von α)?
Betrachten Sie die 4 Fälle:
.
-
Zeichnen Sie für den Fall a = 3 und α = 10 das Bode-Diagramm (k = 2).
-
Zeichnen Sie die Nyquist-Ortskurven, für die
und
ist.
-
Ermitteln Sie für diese beiden Fälle die Sprungantworten.
-
Zerlegen Sie das System mit a = 1, k = 1 und α = -3 in ein Phasenminimum-System und ein Allpassglied.
Führen Sie diese Zerlegung mit Hilfe der Blockschaltbildalgebra und im Bode-Diagramm durch.
Geben Sie anhand des Bode-Diagramms eine Erklärung für die Begriffe Phasenminimum-System und Allpassglied.
Lösung
a) Analytische Berechnung von Betrag und die Phase des Frequenzgangs G(jω)
Für den Amplitudengang (Betrag des Frequenzganges) gilt:
Für den Phasengang (Phase des Frequenzganges) gilt:
Wir müssen den Frequenzgang also in Real- und Imaginärteil zerlegen:



Damit folgt nun:


Alternative Lösung:
Für den Phasengang (Phase des Frequenzganges) gilt:
Es gilt zudem:
Damit folgt:


Ergänzung:
Beim Nachschauen in der Tabelle für die wichtigsten Regelkreisglieder, stellt man fest, dass es sich bei dem angegebenen System um ein PT1-System handelt:
Grafisch erhält man folgende Übertragungsfunktion:
Ein D-Glied würde z.B. liefern:
b) Diskussion des Phasenverlaufs
Zeigerdarstellung
Die Zeigerdarstellung (Polarkoordinaten) des Frequenzganges ist gegeben durch:
Der Frequenzgang ist also eine Randfunktion der komplexen Übertragungsfunktion.
Abbildung: Deutung des Frequenzganges als Abbildung der (positiven) imaginären Achse der s-Ebene in die G(s)-Ebene
Die s-Ebene wird durch die imaginäre Achse in zwei Teilgebiete geteilt. Die jω-Achse stellt den Rand z.B. der rechten s-Halbebene dar.
Beispiel:
Für die Übertragungsfunktion in Wurzelorts-Normalform (Pol-Nullstellen-Form) gilt:
mit:
Unsere Übertragungsfunktion lautet:
Fall 1:
In diesem Fall liegt die Nullstelle links von der Polstelle. Man spricht vom so genannten Lag-Glied.
Somit folgt:


Wichtig: Das k nicht vergessen!
Damit gilt:


Fall 2:
In diesem Fall liegt die Nullstelle zwischen Pol und Ursprung. Man spricht hier vom Lead-Glied.
Somit folgt:




Fall 3:
In diesem Fall liegt die Nullstelle im Ursprung. Man spricht hier vom DT1- oder Washout-Glied.
Somit folgt:





Fall 4:
In diesem Fall liegt die Nullstelle rechts vom Ursprung. Man spricht von einem allpasshaltigen Glied.
Somit folgt:





Skizze des Phasenverlaufs:
Hinweis: Die x-Achse ist hier logarithmisch dargestellt. Der Vorteil in dieser Darstellung ist, dass alles wunderschön symmetrisch ist.
Ergänzung:
Phasenminimumsysteme sind Systeme ohne Totzeit, deren rationale Übertragungsfunktionen G(s) ihre Pole und Nullstellen ausschließlich in der linken s-Halbebene haben.
Das bedeutet, in den ersten drei Fällen handelte es sich um Phasenminimumsysteme. Das vierte System dagegen war nicht Phasenminimal.
Die Stelle des Phasenminimums berechnet man mit dieser Formel:
Herleitung:
Aus Aufgabenteil a) ist bekannt:







Wir betrachten für den 4. Fall noch einmal die Übertragungsfunktion:
Es gilt:
Da hier α < 0 ist gilt:
Beispiel:
Ergänzung:
Wenn Pol und Nullstelle auf einer Seite liegen, dann kann die Phase nie 90° überschreiten. 90° können nur theoretisch erreicht werden, wenn der Pol sehr weit links liegt:
Wenn die Polstelle negativ und reell und die Nullstelle positiv und reell ist, haben wir ein nicht-phasenminimales System. Nur bei einem nicht-phasenminimalen System gilt die Formel:

c) Bode-Diagramm
Vorbetrachtung:
Sei:
Dann gilt für die Amplitude:
Für die Phase gilt:
Damit ergeben sich in Dezibel umgerechnet folgende Werte:


Da es sich nicht um eine Leistung, sondern um ein Amplitudenverhältnis handelt, muss hier der Faktor 20 statt 10 verwendet werden.
Für K erhalten wir somit folgende Umrechnungen:
Betrachten wir nun noch einmal die Amplitude:
Für die niederfrequente Asymptote ergibt sich:
Für die hochfrequente Asymptote ergibt sich:
Für die Eckfrequenz ergibt sich:
Wir kommen nun zur Aufgabe und dem verlangten Bode-Diagramm.
Gegeben sind:

Für die Amplitude gilt damit:
Grafisch äußern sich die letzten beiden Terme des Amplitudenverlaufs wie folgt:
Damit folgt:
Zur Erinnerung:
d) Nyquist-Ortskurven / Ortskurvendarstellung des Frequenzgangs in der komplexen Ebene
Die erste geforderte Kurve ist ein Lead-Glied
, die zweite ein Lag-Glied
Der Frequenzgang lautete:








In Aufgabenteil b) hatten wir zusätzlich folgende Lösungen für die Frequenzgänge:
System 1:
(vgl. Fall 2)


System 2:
(vgl. Fall 1)


Damit können wir nun die Nyquist-Ortskurven zeichnen:
Hinweis:
Die Kurve geht also immer von
nach
.
Für ein Lag-Glied (α>1) ist K > k. Die Kurve geht also vom großen Wert zum kleinen Wert.
Beim Lead-Glied (0<α<1) geht die Kurve dementsprechend vom kleinen zum großen Wert.
Vergleich von Bode-Diagramm und Nyquist-Ortskurve:
Beim Bode-Diagramm wird der Frequenzgang separat als Amplitudengang und Phasengang aufgetragen. Bei der Nyquist-Ortskurve dagegen, die aber das gleiche beschreibt, ist beides in einem Diagramm aufgetragen.
Die Ortskurve eignet sich gut, um
zu finden, das Bode-Diagramm dagegen eignet sich gut, um
zu finden, da ω in der Ortskurve nicht linear über den Kreis verteilt ist.
Komplizierter:
Die Übertragungsfunktion lautete:
Für die Darstellung in der komplexen Ebene lässt sich die Funktion wie folgt zerlegen:



Hier kann man erkennen, dass es sich um einen Allpass handelt, der für alle Frequenzen immer einen Amplitudengang von 1 hat und sich um 180° dreht.
e) Sprungantworten
Wir kommen nun zu den Sprungantworten. Für die Laplace-Transformierte der Ausgangsfunktion gilt:
Wir führen nun eine Partialbruchzerlegung durch:



Die Rücktransformation in den Zeitbereich erfolg mit der bereits aus dem Modul Steuer- und Regelungstechnik bekannten Korrespondenztabelle (siehe SRT: Ü3):
Da meist klar ist, dass die Betrachtung erst für
beginnt, lassen wir das
weg:
Wir prüfen nun, ob die beiden Grenzwerte überhaupt existieren:
Endwertsatz:
Anfangswertsatz:
Die beiden Grenzewerte existieren also im Zeitbereich und gelten daher auch im Bildbereich. Wir dürfen sie deshalb verwenden.
Für die beiden Systeme ergibt sich somit:


Hier noch ein Beispiel für das gegebene System mit Sprungantworten für verschiedenen α-Werte (K=1, a=1):
f) Zerlegung des Systems
Jedes nicht phasenminimale System lässt sich als Reihenschaltung eines reinen Allpasses (phasendrehendes Glied) und eines phasenminimalen Systems darstellen:
Für den reinen Allpass gilt:


Zur Aufgabe:


Als Blockschaltbild ergibt sich somit:
Die Realisierung dieses Systems könnte wie folgt aussehen:
Dabei würde gelten:
Dies ist ein typisches System mit Allpass-Charakter. Daran, dass ein
am Integrierer vorbei geht, sehen wir, dass das System eine Nullstelle hat.
Im Bodediagramm sieht die Zerlegung wie folgt aus:
Amplitude:

Phase:
Erinnerung: In Teilaufgabe a), Fall 4 galt für die Nullstelle rechts vom Ursprung (allpasshaltiges Glied):

Bei Kenntnis des Phasenverlaufs des nichtminimalen Gesamtsystems lässt sich der Phasenverlauf des Phasenminimum-Systems ermitteln:





Das heißt also, die Phase des Phasenminimum-Systems ist die Differenz aus der Phase des nicht phasenminimalen Systems und der des Allpasses.




Ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:
1. Unter b) sollte in allen Zeigerdarstellungen das grün hinterlegte (omega <= 0 < unendlich) in (0 <= omega 0 und im Fall 2 in Phi2<0 geändert werden
3. Unter d) in der zweiten Nyquist Ortskurve ist K=14 (und nicht 12)
4. Unter f) ist in der ersten Darstellung die Einzeichnung von Phi(Lambda) = Phi(Pol) falsch. Der Phasenverlauf mit Pol in linker Halbebene muss an der Phi=0 Achse gespiegelt werden. Dann sieht man auch optisch direkt den Zusammenhang Phi(nicht phasenminimal) = Phi (N) – Phi (P). Ich weiß ihr könnt nichts dafür, weil dies Teil der Institut Musterlösung ist, aber vielleicht könnt ihr ja ne neue Grafik einfügen.
Ansonsten super Arbeit – weiter so!!!
Danke auf jeden Fall für die Korrekturen!
Zu 1: Die Bilder waren natürlich falsch und wurden korrigiert. Aber wo sollte im Fall 2 ein
hin?
Zu 3: korrigiert
Zu 4: korrigiert
Da ist wohl was verschwunden. Der 2. Punkt des Kommentars fehlt ja fast vollständig.
Also nochmal zur Info:
2. unter d) genau über den Nyquist Ortskurven müssen für Phi1 und Phi 2 die > und < Zeichen vertauscht werden.
\underline{\underline {{\varphi _1}\left( {0 < \omega_0}}
\underline{\underline {{\varphi _2}\left( {0 < \omega < \infty } \right) < 0}}
Ahh, jetzt weiß ich auch was gemeint war. Stimmt, das war natürlich falsch!
Hab’s korrigiert, danke!