2.1 Ausgangsfolge des diskreten Systems
Wir betrachten ein diskretes Abtastsystem in Zustandsraumdarstellung:


Der Anfangszustand
ist bekannt. Der Index d für “digital” wird ab jetzt weggelassen. Die aktuellen Stellzustände
sind von außen vorgegeben und damit bekannt. Zu berechnen ist nun die Zustandsfolge
und die Ausgangsfolge
.
Wir wenden wiederholt die Zustandsgleichung an:




Wir fassen in einer Summe zusammen und erhalten für die Zustandsfolge:

Wenn es keine Einwirkung durch Stellgrößen gibt, ist die Summe des erzwungenen Teils gleich 0. Man bezeichnet daher
als freie Bewegung und
als durch die Eingangsfolge
erzwungene Bewegung. Die Gleichung ist analog zur formalen Lösung des kontinuierlichen Systems:

Die Ausgangsfolge des diskreten Systems lautet:

Auch hier unterscheiden wir zwischen der am Ausgang beobachtbaren freien Bewegung
und der am Ausgang beobachtbaren erzwungenen Bewegung
. Diese erzwungene Bewegung ist auch das Eingangs-Ausgangs-Verhalten für
. Die beiden Anteile werden linear überlagert, wie beim kontinuierlichen LTI-System.
2.2 Kanonische Normalform (Diagonalform)
Das Vorgehen ist völlig analog zur Diagonalisierung kontinuierlicher Systemen:
- Diagonalisiere die
Matrix
(im Folgenden als diagonalisierbar angenommen) - Berechne die Eigenwerte
und Eigenvektoren
als neue Koordinatenachsen - Führe neue Koordinaten
ein, die auf die Eigenvektorbasis
(=neue Koordinatenachsen) des Zustandsraums bezogen sind:

Wir drücken nun die Gleichung

in den neuen Koordinaten aus. Dazu multiplizieren wir von links mit
:


In den kanonischen Koordinaten ist die (zeitdiskrete) Dynamik der einzelnen Zustandskomponenten entkoppelt, d.h. unabhängig von der Dynamik der anderen Zustandskomponenten.



Modenzerlegung der freien Bewegung:


Dabei ist
die i-te Eigenbewegung / (Eigen-)Mode des diskreten Systems. Bei
ist mit der 1 die Vektorkomponente und mit der 0 der Zeitindex gemeint. Die Modenzerlegung zeigt die freie Bewegung als Überlagerung unabhängiger Eigenbewegungen (beachte: Die Richtungen
dieser Eigenbewegungen sind linear unabhängig!).
2.3 Asymptotische Stabilität
In Analogie zum zeitkontinuierlichen System heißt ein freies zeitdiskretes System asymptotisch stabil, wenn es nach Auslenkung auf einen beliebigen Anfangszustand
stets zur Ruhelage
zurückkehrt. Wir wollen ab nun annehmen, dass
gilt:

Es gilt

genau dann, wenn

Es ist dann per Definition das freie (diskrete) System asymptotisch stabil.
Also: Ein freies zeitdiskretes System ist genau dann asymptotisch stabil, wenn alle Eigenwerte der Systemmatrix innerhalb des Einheitskreises der komplexen Ebene liegen:

Es gilt:

Zeitverhalten diskreter Systeme zu verschiedenen reellen Eigenwerten:
- Eigenwert im Ursprung: System bleibt auf 0
- Eigenwert innerhalb des Einheitskreises (positiv): System klingt ab
- Eigenwert auf dem Einheitskreis (positiv): System bleibt konstant
- Eigenwert innerhalb des Einheitskreises (negativ): System klingt ab, Werte alternierend positiv und negativ
- Eigenwert auf dem Einheitskreis (negativ): System bleibt konstant, Werte alternierend positiv und negativ

Verhalten bei komplexen Eigenwertpaaren:
- Außerhalb des Einheitskreises: System schwingt immer stärker
- Auf dem Einheitskreis: System schwingt konstant
- Innerhalb des Einheitskreises: System klingt schwingend ab

2.4 Eigenwerte von Abtastsystemen
Wir wollen nun die Eigenwerte von kontinuierlichen und diskreten Systemen vergleichen:

Es gilt:

Sei
die Matrix der Eigenvektoren von
. Dann gilt für die Transitionsmatrix
des kontinuierlichen Systems:

Analog gilt für das diskrete System:

Daraus folgt für die Eigenwerte des Abtastsystems:

Umgekehrt lässt sich die verwendete Abtastzeit aus

berechnen.
2.5 Gewichtsfolge
Bei zeitkontinuierlichen Systemen haben wir die Gewichtsfunktion als Systemantwort auf einen Delta-Puls betrachtet. Im diskreten Fall ergibt sich als Antwort auf einen diskreten Einheitsimpuls
eine Gewichtsfolge:


Für die Berechnung der Systemantwort
auf
setzen wir
:


Systemantwort auf beliebige Eingangsfolge
:

Dies entspricht der Faltungssumme der Gewichtsfolge und der Eingangsfolge:

Die Gewichtsfolge (und damit das Ein-/Ausgangsverhalten) bleibt bei einer regulären Zustandsraumtransformation (Wechsel des Zustands-Koordinatensystems) invariant.
2.6 E/A-Stabilität (BIBO-Stabilität)
E/A-Stabilität besagt für
, dass das System auf eine beschränkte Eingangsgröße mit einem beschränkten Ausgangssignal antwortet.

Es gibt also eine Schranke
mit beschränkter Ausgangsgröße, also
. Wir suchen nun nach einem Kriterium, um zu entscheiden, ob ein gegebenes System BIBO-Stabil ist.
Wir betrachten Eingangsfolgen mit
. Für ein festes
wird wegen

der größtmögliche Wert für
durch die Eingangsfolge
erzielt, nämlich
.
Für
erhalten wir den größtmöglichen Wert für
:

Gesuchtes Kriterium:
Diskretes System BIBO-stabil
, d.h. die Gewichtsfolge muss absolut summierbar sein.
2.7 Steuerbarkeit und Beobachtbarkeit
2.7.1 Anschauliche Definition
Steuerbarkeit: “Können alle Zustandskomponenten durch die Eingangsgrößen beeinflusst werden?”
Beobachtbarkeit: “Enthält die Ausgangsgröße Informationen über alle Zustandskomponenten?”
2.7.2 Exakte Definition
Ein zeitdiskretes System ist genau dann vollständig steuerbar, wenn es von einem beliebigen Anfangszustand
in endlicher Zeit
durch eine geeignet gewählte Eingangsfolge
in einen beliebig vorgegebenen Endzustand
überführt werden kann.
Ein zeitdiskretes System ist genau dann vollständig beobachtbar, wenn ein beliebiger Anfangszustand
aus den über einem endlichen Intervall
bekannten Verläufen der Eingangsfolge
und der Ausgangsfolge
bestimmt werden kann.
Wir suchen nun nach einem Kriterium, ob ein gegebenes System vollständig steuerbar ist.
2.7.3 Kriterium für die vollständige Steuerbarkeit
Der gewünschte Endzustand ist:

Wir stellen um und schreiben die Summe aus:

Die rechte Seite
besteht aus verschiedenen Vektoren, die linear kombiniert werden mit den Folgegliedern der Eingangsfolge. Diese Vektoren müssen den gesamten Zustandsraum aufspannen (linear unabhängig sein), damit die linke Seite beliebig sein kann. Wir ordnen die Vektoren in einer Matrix an:

Theorem von Cayley-Hamilton:
Alle höheren Potenzen von
jenseits von
sind Linearkombinationen der niedrigeren Potenzen
. Dabei ist
.
Schlussfolgerung:
Für
sind die Spalten
nur Linearkombinationen von
und helfen nicht mehr dabei, den Zustandsraum aufzuspannen. Daher reicht es, die Vektoren
zu betrachten. Diese müssen bei steuerbaren Systemen bereits den gesamten Zustandsraum aufspannen.
Steuerbarkeitskriterium von Kalman:
System vollständig steuerbar


Dabei ist
die diskrete Steuerbarkeitsmatrix.
Nun wollen wir die benötigte Eingangsfolge berechnen:

Dies ist ein lineares Gleichungssystem, das ohne weiteres gelöst werden kann. Wenn das Kalman-Kriterium erfüllt ist, erhält man die für die Umsteuerung benötigte Steuerfolge:

2.7.4 Kriterium für vollständige Beobachtbarkeit
Für
gilt:

Für
Zeitpunkte hingeschrieben:

Dabei sind
die gemessenen Ausgangswerte,
die (bekannte) Beobachtbarkeitsmatrix und
der (gesuchte) Ausgangszustand. Der Anfangszustand kann als Lösung des linearen Gleichungssystems berechnet werden. Das Gleichungssystem hat genau dann eine eindeutige Lösung, wenn
regulär ist.
Beobachtbarkeitskriterium von Kalman:
System vollständig beobachtbar 



